V iele Unternehmen in Österreich klagen derzeit über einen Mangel an Bewerbern für Lehrstellen. Zeitgleich suchen tausende Jugendliche nach einer Berufsausbildung mit großen Zukunftschancen. Welche Möglichkeiten eine Lehrstelle bietet und wie Österreich für die Zukunft gerüstet ist, besprachen wir mit Ex-Bundesministerin Dr. Margarete Schramböck.

Welche Brisanz hat das Thema Lehrlingsausbildung derzeit in Österreich?

Der Fachkräftemangel ist in fast allen österreichischen Betrieben spürbar. Eine 2018 durchgeführte Studie hat festgestellt, dass 87% von rund 4.500 befragten Unternehmen den Fachkräftemangel bemerken und 75% bereits intensiv wahrnehmen. 60% hatten Schwierigkeiten bei der Suche nach Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit Lehrabschlüssen gegenüber 9% mit Fachhochschulabschlüssen bzw. 6% mit Universitätsabschlüssen. [Quelle: Fachkräfteradar, ibw 2018].

In „Gewerbe und Handwerk“ werden derzeit rund 46% aller Lehrlinge in Ausbildungsbetrieben ausgebildet. Hier besteht der größte Bedarf an Lehrlingen. Auch die Zahl der Lehranfänger und Lehranfängerinnen steigt kontinuierlich an. Im April 2019 haben um fast 6% mehr Lehrlinge ihre Ausbildung in dieser Sparte begonnen als im April des Vorjahres. Es mangelt vor allem an gut ausgebildeten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die neue Produktentwicklungen und Innovationen umsetzen und „auf die Straße bringen“ können.

Warum ist es für Österreich wichtig, ausreichend Lehrlinge auszubilden?

Die Absolventen einer Lehrausbildung sind sofort in der Lage, als Fachkraft eine qualifizierte berufliche Tätigkeit auszuüben da sich die duale Ausbildung vor allem durch ihre Praxisnähe auszeichnet. Neue Technologien und Arbeitsmethoden fließen zielsicher in die Ausbildung ein, der Lehrling ist unmittelbar bei den innovativen betrieblichen Vorgängen wie Produkt- oder Prozessoptimierungen dabei und trainiert durch die Einbindung in den betrieblichen Alltag Soft Skills, wie Teamfähigkeit, Kommunikation und eine strukturierte Arbeitsweise.

Besonders im Bereich der selbständigen Unternehmer und Unternehmerinnen kann man das gut sehen. Über 34% dieser Berufsgruppe verfügt über einen Lehrabschluss als höchste abgeschlossene Qualifikation. Somit ist die Lehre mit Abstand die wichtigste Qualifikation von selbständig Erwerbstätigen in Österreich und ein gutes Sprungbrett für die Gründung eines eigenen Unternehmens.

Bundesministerin Margarete Schramböck

Dr. Margarete Schramböck war vom 8. Januar 2018 bis 3. Juni 2019 Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort.

Was versteht man unter einer Doppellehre?

Im Rahmen einer Doppellehre besteht die Möglichkeit, zwei Lehrberufe, die sich thematisch gut ergänzen, gleichzeitig zu erlernen. Die Ausbildung dauert länger, dafür sind aufgrund der zusätzlich erworbenen beruflichen Fertigkeiten und Kompetenzen die Zukunftsperspektiven vielfältiger und die späteren Berufschancen größer. Besonders im Gewerbe und Handwerk sind Doppellehren häufig (z.B. Dachdecker/in & Spengler/in, Fußpfleger/in & Kosmetiker/in oder Maurer/in & Schalungsbauer/in). Insgesamt wurden 2018 fast 4.500 Lehrlinge im Rahmen einer Doppellehre ausgebildet.

Wie sieht die Geschlechterverteilung in den Handwerksberufen aus? Gibt es von Ihrer Seite Bestrebungen, klassische Geschlechterverteilung zu verändern?

Im Gewerbe und Handwerk sind nur rund ein Fünftel aller Lehrlinge weiblich. Dabei werden von jungen Frauen zumeist die klassischen Berufe wie Friseur/in und Perückenmacher/in (Stylist/in) oder die Doppellehre Fußpfleger/in & Kosmetiker/in gewählt. In den letzten Jahren hat sich aber auch zunehmendes Interesse von jungen Frauen an einzelnen nicht-typischen Lehrberufen gezeigt. Zum Beispiel ist im Lehrberuf Maler/in und Beschichtungstechniker/in die Zahl der weiblichen Lehrlinge zwischen 2015 – 2018 um 11% gestiegen.

Hier wollen wir auch weiterhin unterstützen. Wichtig ist, dass die Berufswahl entlang individueller Interessen und Stärken passiert. Eine verstärkte Einbindung von Unternehmen in der Berufsorientierung ist ein erster Schritt. Darüber hinaus fördern wir verschiedene Aktivitäten, die die Lehre sowohl für Frauen als auch für Männer in untypischen Lehrberufen attraktiver macht.

Was muss getan werden, damit sich noch mehr junge Menschen für einen Handwerksberuf begeistern?

Gerade im Handwerk spielen Kreativität und Innovation eine wichtige Rolle für den Erfolg. Die Ausbildung in einem Betrieb ermöglicht es, Erfahrungen aus erster Hand zu sammeln. Auf diese Weise kann die Lehre eine Basis für eine erfolgreiche Berufskarriere im Handwerk sein.

Die Begeisterung der einzelnen Teilnehmer und Teilnehmerinnen und ihre Erfolge bei nationalen und internationalen Berufsmeisterschaften zeigen immer wieder, wie sehr die Lehrlinge im Handwerk aber auch in anderen Lehrberufssparten ihren Beruf wertschätzen.

Gibt es von Seiten des BMDW Initiativen, das Thema Lehrlingsausbildung zu attraktivieren?

Die Attraktivität der Lehrausbildung ist für uns eine wichtige Aufgabe und muss ständig weiterentwickelt werden. Die Lehre muss als moderne und zukunftsorientierte Ausbildung wahrgenommen werden. Die laufende Überarbeitung der gesamten Lehrberufslandschaft ist für die Qualität und Aktualität des dualen Systems wichtig. Dabei spielt auch die Digitalisierung eine wichtige Rolle, die in allen Bereichen eine wichtige Kompetenz darstellt. Außerdem werden die neuen Berufsbilder, die sich am Bedarf der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes orientieren, kompetenzorientiert gestaltet und damit die berufliche (selbständige) Handlungsfähigkeit der Absolvent/innen noch stärker in den Vordergrund geholt.

Die Zuordnung der Lehre auf Level 4 im Nationalen Qualifikationsrahmen und die Meisterprüfung auf Level 6 sollen auch die Karriere- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten in der Berufsausbildung transparenter machen. Damit wird die duale Berufsausbildung als eine Säule in der österreichischen Bildungslandschaft dargestellt.

Zusätzlich werden laufend zielgruppenspezifische Maßnahmen zur Attraktivierung der Lehre erarbeitet. Durch die Dualen Akademien sollen zum Beispiel Maturanten und Maturantinnen stärker für die Lehre als attraktive und zukunftsorientierte berufliche Ausbildungsmöglichkeit begeistert werden.

Autorin: Stefanie Posch
Bilder: Adobe Stock | BMDW/Christian Lendl

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