G erade die Begegnung mit jungen Menschen im pädagogischen Alltag bedarf eines Menschenbildes, welches die Frage nach dem Sinn miteinbezieht. Viktor E. Frankl, Arzt und Philosoph, Begründer der Logotherapie, der Sinn-Lehre, hat sich zeitlebens diesem Thema gewidmet.

Wir leben im Zeitalter eines um sich greifenden Sinnlosigkeitsgefühls“, diagnostiziert Viktor Frankl in den 1970er Jahren. Er führte diesen pathologischen Befund darauf zurück, dass diese Kultur nicht mehr über sich selbst hinausweist, weil sie von allem mehr als genug hat: „Wir leben in einer Gesellschaft des Überflusses an materiellen Gütern und an einer Informationsexplosion. Wenn der Mensch in dieser Reizüberflutung überleben will, muss er wissen, was wichtig ist und was nicht, was wesentlich ist und was nicht, mit einem Wort: was Sinn hat und was nicht.“ Oft haben die Menschen von heute alles, was man zu einem angenehmen Leben braucht, und doch hat sich ein Gefühl der Unzufriedenheit eingenistet. Sie sind nicht glücklich. Langeweile und Gleichgültigkeit sind bekannte Zeiterscheinungen. Etwa 40% der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bezeichnet die Psychologin Tatjana Schnell als „existenziell indifferent“. Sie interessieren und engagieren sich für nichts, kennen sich selbst und ihre Stärken sehr wenig. Dieses Phänomen zeigt sich offensichtlich auch im Arbeitsalltag. Laut Gallup Engagement Index 2016 liegt der Anteil der ArbeitnehmerInnen, die mit Hand, Herz und Verstand bei der Arbeit sind, bei 15%. Ebenso viele ArbeitnehmerInnen haben innerlich bereits gekündigt. 70% der Beschäftigten sind emotional gering gebunden und machen lediglich Dienst nach Vorschrift.

Sinnlosigkeitsgefuehl_Expertenbild_Mag. Elisabeth Gruber (c) Susanne Martin

Mag. Elisabeth Gruber Vorständin des Viktor Frankl Zentrum Wien | Logopädagogin | Referentin des Lehrgangs LOGOPÄDAGOGIK

„Wo scheinbar nichts Wichtiges und Wertvolles in der Welt existiert, da fällt der Betreffende in die pure Selbst-Besorgtheit zurück. Damit wird jedoch niemand froh, weil er spürt, dass mehr am Leben dran ist als Essen, Schlafen, Sich-Fortpflanzen und Sterben. Die pausenlose „Unruhe des Herzens“ wird missverstanden und nicht selten mittels Nihilismus und Zynismus abgewürgt.“ (Elisabeth Lukas) Ein existenzielles Vakuum ist die Folge sinnentleerter Verhaltensweisen, die sich bloß auf das Ego fixieren. Der Sinnanruf des Lebens, sich für eine Aufgabe oder für einen Menschen zu engagieren, wird nicht „gehört“, wahrgenommen. Es kommt zu ungelebtem Leben, oder wie Hebbel meint: „Der ich bin, grüßt traurig den, der ich könnte sein.“ Der Mensch weiß intuitiv um die Tragik der letzten Stunde seines Lebens, wenn er sich eingestehen muss: Hätte ich doch damals…! Was muss im Menschen grundgelegt sein, wenn er trotz der Befriedigung seiner Bedürfnisse am Leben verzweifelt? Das ist nur denkbar, wenn der Mensch ernst genommen wird, in seiner grundlegenden Bestrebung in seinem Leben einen Sinn zu finden und diesen Sinn zu erfüllen. Der „Willen zum Sinn“ als eigentliche Motivation zeichnet den Menschen aus. Es ist eine dringende Aufgabe unserer Zeit, den Sinn für den Sinn neu zu wecken und auszubilden; den Blick neu zu schärfen für das, was dem Leben Orientierung und Halt gibt.

Können wir nun dem existentiell frustrierten Menschen von heute einen Sinn geben? Sollte Sinn machbar sein? Lassen sich die verlorenen Traditionen oder gar die verlorenen Instinkte wiederbeleben? Mitnichten! Sinngeben würde auf Moralisieren hinauslaufen. Sinn kann nicht gegeben werden. Jede einzelne Situation birgt in sich eine Aufforderung. Bei der SinnWahrnehmung handelt es sich um die Entdeckung einer für mich und das Umfeld sinnvollen Möglichkeit zur Gestaltung einer Situation. Diese Möglichkeit ist jeweils einmalig. Sie ist vergänglich. Aber auch nur sie ist vergänglich. Ist eine Sinnmöglichkeit einmal verwirklicht, ist der Sinn einmal erfüllt, so ist er es nämlich ein für alle Mal. Das schafft echte Zufriedenheit. Sinn kann nicht erzeugt werden. Was sich erzeugen lässt, ist entweder subjektiver Sinn als ein bloßes Sinngefühl, oder – Unsinn. Und so ist es verständlich, dass der Mensch, auf der Flucht vor dem Sinnlosigkeitsgefühl entweder Unsinn in Form von absurdem Aktionismus oder subjektiven Sinn mittels Drogenkonsum erzeugt. Sinn kann gefunden werden. Auf der Suche nach Sinn leitet den Menschen das Gewissen als „Sinn-Organ“. „Es ließe sich definieren als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren.“ (Viktor Frankl) Die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen ist ein spezifisches Humanum, ebenso wie diesen Sinn auch in Frage zu stellen. Im Besonderen ist es ein Vorrecht des jungen Menschen, seine Mündigkeit an den Tag zu legen, indem er zunächst einmal den Sinn des Lebens in Frage stellt. Hier ist eine Logopädagogik von Nöten, welche die Sinnfrage ernst nimmt und sich dem Dialog zu stellen vermag.

Wie gelingt die Verwirklichung von Sinn?

Wir brauchen eigentlich nichts Neues erfinden. Eine Be-Sinn-ung auf die Ganzheit des Menschen lässt erkennen, welches Potenzial zur Verfügung steht: ein unzerstörbarer Personenkern, der Lebendigkeit bedeutet. Wachsen – Werden – Reifen ist DIE Dynamik des Lebens. Genauso wie sie in der Natur alles wachsen lässt, so dynamisiert sie den wachen Menschen über sich hinaus zu wachsen. Das ist die Urmotivation jedes Menschen. Schon der kleine Mensch will für eine Aufgabe oder für einen Menschen da sein. Diese Dynamik entzündet sich am Erkennen des Bedarfs im persönlichen Umfeld: ein Freund, der eines Gesprächs bedarf; mein Hund, der dringend Auslauf braucht; mein Körper, der müde ist; eine Durststrecke in der Freundschaft, die es wert ist durchzustehen… Das Bewusstsein um die Unersetzbarkeit jeder einzelnen Person und die Unwiederholbarkeit jeder einzelnen Situation lässt wachsam und aufmerksam werden für die Kostbarkeit des Augenblicks.

Sinnverwirklichung ist möglich auf den drei Hauptstraßen zum Sinn: erstens die Arbeit, zweitens Natur- und Kulturerlebnisse sowie die Liebe zu einem anderen Menschen und schließlich drittens, in unabänderlichen Leidsituationen, die Einstellung zum Leid – letztere ist wohl die höchste Wertkategorie. Jene Menschen, die sich dem Ringen um eine lebensbejahende Einstellung stellen, geben ein Zeugnis für den bedingungslosen Sinn des Lebens. Letztendlich geht es um das Erkennen der ganz persönlichen Ver-Antwortung, in die uns das Leben hineinstellt. Jede Situation bringt eine ganz persönliche Lebensfrage, die es gilt zu be-antworten. Darin ist jeder Einzelne unvertretbar! Gerade seine Einmaligkeit und Einzigartigkeit sowie seine Sehnsucht nach Menschlichkeit ermöglicht eine kreative Antwort – erfüllend für sich und sein Umfeld. In Zufriedenheit kann er sich zusprechen: „Ich habe das MEINIGE getan!“ Das ist es, was das Leben humaner gestalten lässt.

Autorin: Mag. Elisabeth Gruber
Bilder: Adobe Stock | Susanne Martin

Fact-Box

– Gegründet wurde das VIKTOR FRANKL ZENTRUM WIEN im Jahr 2004. Es hat seinen Sitz in der Mariannengasse 1 im 9. Wiener Gemeindebezirk, direkt neben jener Wohnung, in der Viktor E. Frankl über 50 Jahre lebte und arbeitete.

– Jährlich besuchen rund 4.000 SchülerInnen den Workshop „Lebe(n) voll Sinn – Viktor E. Frankls Sinnlehre gegen die Sinn-Leere“

– Ein Einstieg in den berufsbegleitenden Lehrgang in LOGOPÄDAGOGIK ist jedes Semester möglich!

2015 wurde auf Initiative des Zentrums das weltweit 1. VIKTOR FRANKL MUSEUM WIEN eröffnet: „Das neue Viktor Frankl Museum ist kein Museum im klassischen Sinn. Es besteht aus Erlebnisräumen, die ermöglichen Frankls Persönlichkeit nahe zu kommen und vor allem seine Therapieansätze im Selbstversuch zu erproben.“(ORF Zeit im Bild)

KONTAKT

VIKTOR FRANKL ZENTRUM WIEN, Mariannengasse 1/13, 1090 Wien
Infos und Anmeldung: +43 699 1096 1068; office@franklzentrum.org, www.franklzentrum.org

VIKTOR FRANKL MUSEUM WIEN, Mariannengasse 1/15, 1090 Wien (Öffnungszeiten: freitags & samstags & montags jeweils 13:00 – 18:00 Uhr

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